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Gute Nacht, Goethe!

gutenachtgoethe.jpg (29079 Byte)

Friedrich Theodor Vischer und sein "Faust III".

Für die heutige Zeit wiederentdeckt und zum Lesen empfohlen von Heiko Postma.
Für die Goethe-Gesellschaft herausgegeben von Peter Meuer.

Leseprobe:

Ich bin das Lieschen, das am Brunnentrog
Einst des Gespräches mit dem Gretchen pflog.
Erinnert euch, wie sie aus meinem Munde
Von Bärbelchen vernahm die schlimme Kunde.
Weil ich nun damals so moralisch sprach,
Ließ mir der Herr in seiner großen Gnade
Des Fegefeuers heiße Qualen nach
Und läutert mich auf minder heißem Pfade.
Er wählte mich nach meines Lebens Endung
Zu sonderlich bedeutungsvoller Sendung,
Ernannte mich zu hochgewicht'ger Stelle:
Im Himmelsvorraum, an der heil'gen Schwelle
Darf ich als Fausti Seelenfreundin leben,
Bis wir gereift, ins Heiligtum zu schweben.
Das arme Gretchen, das zu hart gebüßt:
Ihr ist jedwede Läuterung erlassen,
Als sel'ger Geist ward sie schon längst begrüßt
Im sel'gen Kreis, den keine Worte fassen,
Sie wohnt in der Verklärten Sitz
Zu hoch für eines Dichters Witz.

So himmlisch beginnt die parodistisch-satirische Komödie Faust. Der Tragödie dritter Teil, die der schwer streitbare, aber auch leicht kauzige Publizist und Professor Fr. Th. Vischer unter Pseudonym 1862 herausgebracht hat.