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Galerie der 123 Detektive

Der Band enthält im 1. Teil 123, jeweils im Schnitt anderthalb Seiten langen Porträts literarischer Serien-Detektive. Das Buch basiert auf einer Kolumne, die zwischen 1993 und 1996 wöchentlich in der Hannoverschen Allgemeinen erschienen war. Die meisten Porträts wurden dabei von den beiden Herausgebern des Buches verfasst, einige auch von anderen, kriminalistisch interessierten Mitarbeitern der HAZ.

Für die Buchausgabe wurden alle Artikel überarbeitet und aktualisiert. Außerdem enthält die GALERIE neben einem Einleitungs-Essay und mancherlei kleineren Beigaben einen bio-bibliographischen Teil: Er besteht aus Kurz-Biogrammen der jeweiligen Krimi-Autoren sowie einer Bibliographie aller Romane und Erzählungen, in denen der porträtierte Ermittler mitwirkt.

Für das Jahr 2003 ist eine 2., gründlich durchgesehene Auflage vorgesehen - in der wir einige Fehler korrigiert haben, die uns allen Bemühungen zum Trotz unterlaufen waren, in der wir darüber hinaus die bibliographischen Angaben auf den neuesten Stand gebracht haben.

 

Leseprobe:

1. Teil: Porträt des Seriendetektivs


T
om Sawyer
von
Mark Twain

Da stimmt doch was nicht. Warum verlässt der seltsame Passagier des Mississippi-Dampfers niemals seine Kabine? Und warum zieht er, dem Bericht des Stewards zufolge, niemals, auch nicht beim Zubettgehen, seine Stiefel aus? Dahinter muß ein Geheimnis stecken. Und das ist etwas für Tom Sawyer. Denn Tom ist geradezu wild auf Geheimnisse. Wenn er zu wählen hätte: Hier ein Geheimnis und da ein Stück Torte er würde ohne zu zögern das Geheimnis nehmen.

Das sagt jedenfalls Huckleberry Finn (der seinerseits, mit gleicher Entschiedenheit, nach der Torte gegriffen hätte). Und Huck, der freiheitsliebende Vagabund, muß es wissen. Er kennt seinen Freund Tom am besten. Außerdem bewundert er ihn rückhaltlos: »Tom Sawyer hatte eben immer recht. Er hatte das schlaueste Köpfchen, das mir je begegnet ist.« Vor allem aber kennt Huck, der Philosoph, den Grund für Toms Erfolge: »Immer war er auf Draht; immer auf das Schlimmste gefaßt.«

Nun besteht das besagte »Schlimmste« zwar meist nur darin, von Tante Polly beim Marmeladenklauen erwischt zu werden (Tom, der Waisenknabe, wächst bei seiner brummig gütigen Tante auf; doch manchmal wird's eben auch echt kriminell, und Tom, der bei den Kinderspielen in St. Petersburg/Missouri am liebsten den »Untersuchungsrichter« verkörpert, gerät in Lebensgefahr, weil er in einem realen Strafprozeß den Namen des Mörders preisgibt. Da waren Tom und Huck, nachts auf dem Friedhof, Zeugen geworden, wie der Stadtarzt Dr. Robinson mit zwei Kumpanen eine frisch bestattete Leiche ausbuddelte und dann nach einer Streiterei erstochen wurde. Der Täter war Injun Joe, der gefährliche Halb-Indianer; doch verhaftet wurde Muff Potter, der harmlose Säufer. Tom rettet ihn vorm Galgen, weil er, trotz seiner Todesangst, die Wahrheit sagt.

Und all seine Todesangst hält ihn auch nicht davon ab, mit detektivischem Spürsinn nach dem Golddollar-Schatz des immer noch frei herumlaufenden Injun Joe zu fahnden, was ihn und Huck erneut in Lebensgefahr bringt. Was den beiden Jungen am Ende von »Tom Sawyers Abenteuern« (1876) aber auch den Schatz einbringt: 12.000 $!    

Mark Twains (aus Erinnerungen an seine eigene Südstaaten-Kindheit gespeistes) Buch spielt in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Eine kleine Weile nach diesen aufregenden Ereignissen ist Master Tom abermals gefordert - doch jetzt als regelrechter Detektiv in einem mehr als geheimnisvollen Mordfall. Auch Huckleberry Finn ist wieder dabei: als sozusagen doppelter Watson - als Assistent und rühmender Chronist. Obwohl er doch am Schluß seines ersten selbstverfaßten Lebens- und Reiseberichts (»Die Abenteuer des Huckleberry Finn«, 1884) geschworen hatte, so etwas »nie wieder zu tun«. Nämlich »ein ganzes Buch zu schreiben«.

Freilich spielt der Fall in Arkansas, ausgerechnet auf jener Tabakfarm von Toms Tante Sally, wo Hucks abenteuerliche Mississippi-Floßfahrt mit »Nigger Jim« glücklich zu Ende gegangen war. Das verpflichtet. Diesmal ist die Lage allerdings weit düsterer, denn kein anderer als Toms Onkel Silas, der Pflanzer und fromme Prediger, ist wegen Mordverdachts verhaftet worden: Er soll seinen Gehilfen erschlagen und verscharrt haben - und glaubt das allmählich sogar selber,. Zu allem Unglück hat der große Detektiv Tom auch noch die verschollene Leiche aufgespürt.

Aber dann wirft Tom seinen Kombinationsapparat an, und während er sich an den geheimnisvollen Dampferpassagier mit den geheimnisvollen Stiefeln erinnert, werden ihm plötzlich, mitten im Mordprozeß, alle Zusammenhänge klar. Anschließend kann man den beifallsumrauschten Tom in seiner Lieblingsrolle erleben - als bescheidener Held: »Es war eine ganz gewöhnliche Detektivarbeit, jeder könnte das.«

Was natürlich Unsinn ist, wie keiner besser weiß als Tom, der erste Junge der es (lange vor Emil Tischbein und Kalle Blomquist) zum literarischen Meisterdetektiv brachte.

2. Teil: Bio-Bibliographie des Autors

Mark Twain

Geboren 1835 in Florida/Missouri als Samuel Langhorn Clemens. Sehr amerikanisches Leben - als Drucker, Mississippi-Lotse (daher das Pseudonym), Journalist, Schriftsteller, Europa-Reisender (Heidelberg etc.). Ein Klassiker der US-Literatur. Auf kriminalistischem Gebiet durchaus beschlagen: Schon 1883 beschrieb er einen Mordfall, der anhand von Fingerabdrücken aufgeklärt wird (A Thumb-Print and What Came of It). In seinem Nachlaß fand sich (Fast wie bei Dickens und dessen Edwin Drood) ein unvollendeter Kriminalroman - Simon Wheeler, Detective. Darin wird der große Pinkerton belästert. Doch auch den noch größeren Sherlock Holmes hat er nicht verschont (A Doublebarreled Detective Story, 1902). Andereseits mußte selbst sein Huckleberry Finn als Tom Sawyers Dr. Watson herhalten. So geht's, wenn man Mythen parodieren will: Es geht nicht. Denn die Mythen sind stärker. Mark Twain starb 1910 in Redding/Connecticut.

Tom Sawyer-Bibliographie

The Adventures of Tom Sawyer, 1876 (Tom Sawyers Abenteuer. Ensslin & Laiblin)

The Adventures of Huckleberry Finn, 1884 (Huckleberry Finn. Ensslin & Laiblin)

Tom Sawyer Abroad, 1894 (Die Reise im Ballon. In: Tom Sawyers neue Abenteuer. Ensslin & Laiblin)

Tom Sawyer, Detective, 1896 (Tom Sawyer als Detektiv. In: Tom Sawyers neue Abenteuer. Ensslin & Laiblin)